coalmine literarische
29.03.2010 / 20.00 Uhr
Ilma Rakusa
Mehr Meer
«Vater, Mutter, die Koffer und ich – das war die Welt.»
Ilma Rakusa liest aus «Mehr Meer»
Eingeführt von Lisa Briner
Kein Kinderzimmer, aber dafür drei Sprachen, um überzusetzen von hier nach dort: So beschreibt Ilma Rakusa in Mehr Meer ihre Kindheit. Aus der slowakischen Kleinstadt zieht die Familie schon bald nach Budapest, von dort weiter nach Ljubljana und Triest, schliesslich nach Zürich, so dass die Tochter eines slowenischen Vaters und einer ungarischen Mutter schon früh etwas von Abschieden versteht. Aber auch vom Ankommen an fremden Orten, von neuen Gerüchen, Lauten, von fremden Sprachen. Ilma Rakusas Erinnerungspassagen führen uns mitten hinein in das Mitteleuropa nach dem Zweiten Weltkrieg, zu den schwermütigen Melodien Budapests, zum Atem des Meers, das in Triest an die Strandfelsen schlägt. Ihre autobiografischen Miniaturen erzählen von Verlusten, aber auch von einem wunderbaren Reichtum. Sie sind gesättigt von Klängen und Stimmungen, auch dort, wo sie ihr Aufwachsen in Zürich schildert, die Entdeckung der Musik, spätere Reisen oder die Studienjahre in Paris und Leningrad. Der Zauber, den sie verströmen, entsteht nicht aus der Schönheit des Vorgefundenen, sondern aus Ilma Rakusas Begabung zur Wahrnehmung, aus der Eleganz ihrer Sprache und einer Haltung der Offenheit: Da, sag ich zum Kind, da hast du die Windrose. Sie wird’s schon weisen. Staune und vertraue.
Ilma Rakusa, geboren 1946 in Rimaszombat (Slowakei), lebt seit über fünfzig Jahren als Schriftstellerin und Literaturkritikerin in Zürich. Sie hat Lyrik und kürzere Prosa veröffentlicht und ist eine der profundesten Kennerinnen osteuropäischer Literatur. Zudem übersetzt sie aus vier Sprachen: dem Russischen, Serbokroatischen, Französischen und Ungarischen, unter anderem Marina Zwetajewa, Péter Nádas, Danilo Kiš, Marguerite Duras und Imre Kertész. Für Mehr Meer, ihr bisher umfangreichstes Buch, erhielt sie kürzlich den Schweizer Buchpreis 2009.
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